Der deutsche Rüstungskonzern Diehl Defence will seine Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Waffenhersteller Fire Point deutlich ausbauen. Beide Unternehmen bereiten Gespräche über eine mögliche gemeinsame Produktion des weitreichenden Marschflugkörpers FP-5 Flamingo vor. Nach Angaben von Diehl-Chef Helmut Rauch könnte ein Teil der Fertigung künftig in Deutschland oder einem anderen europäischen Staat angesiedelt werden. Eine endgültige Vereinbarung über Standort, Produktionsbeginn und Stückzahlen wurde bislang jedoch nicht geschlossen, die eu-baustoffhandel.de berichtet mit ft.com.
Das Projekt könnte zu einem der prominentesten Beispiele für die Integration ukrainischer Waffentechnologie in die europäische Verteidigungsindustrie werden. Fire Point bringt Entwicklungserfahrung aus dem laufenden Krieg gegen Russland ein, während Diehl über jahrzehntelange Kompetenz bei Lenkflugkörpern, Suchköpfen und komplexen Waffensystemen verfügt. Die mögliche Flamingo-Produktion in Deutschland hätte daher sowohl militärische als auch industriepolitische Bedeutung.

Die Gespräche finden zu einem Zeitpunkt statt, an dem Deutschland und weitere europäische NATO-Staaten verstärkt nach eigenen Fähigkeiten für weitreichende Präzisionsschläge suchen. Die Abhängigkeit von amerikanischen Systemen soll verringert werden, während gleichzeitig neue Produktionskapazitäten in Europa entstehen sollen.
Diehl bestätigt geplante Gespräche mit Fire Point
Helmut Rauch äußerte sich auf der Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin zu den Plänen. Nach seinen Angaben befinden sich die Unternehmen bereits im Austausch und wollen in den kommenden Wochen mehrere Treffen abhalten. Dabei soll geklärt werden, in welcher Form eine industrielle und technologische Zusammenarbeit möglich ist.
„Wir sprechen darüber, wie wir zusammenarbeiten könnten. Ich halte es für realistisch, dass daraus ein konkretes Projekt entsteht“, erklärte Rauch.
Der Diehl-Chef betonte zugleich, dass neue Waffensysteme nicht ausschließlich an einem einzigen Standort produziert werden sollten. Eine Fertigung in Deutschland oder anderen europäischen Ländern könne Lieferketten stabilisieren, Produktionsrisiken verteilen und zusätzliche Kapazitäten schaffen.
Noch handelt es sich jedoch um Verhandlungen. Vor einer möglichen Serienproduktion müssen beide Unternehmen technische Standards, Finanzierung, Eigentumsrechte, Exportgenehmigungen und staatliche Aufträge klären. Auch die Frage, welche Komponenten in der Ukraine und welche in Deutschland gefertigt werden könnten, ist bislang offen.
Die Gespräche sind weit fortgeschritten genug, um öffentlich bestätigt zu werden. Ein Produktionsvertrag liegt aber noch nicht vor. Die nächsten Treffen sollen zeigen, ob aus dem technologischen Austausch ein gemeinsames Industrieprogramm entsteht.
Was über die FP-5 Flamingo bekannt ist
Die FP-5 Flamingo ist ein bodengestützter ukrainischer Marschflugkörper. Fire Point gibt die maximale Reichweite mit mehr als 3.000 Kilometern an. Damit würde das System theoretisch deutlich weiter fliegen als zahlreiche in Europa verfügbare konventionelle Flugkörper.
Die öffentlich bekannten technischen Daten stammen größtenteils vom Hersteller. Unabhängige und vollständige Bewertungen zu Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Störfestigkeit und tatsächlicher Einsatzreichweite sind bislang nur eingeschränkt möglich.
| Merkmal | Öffentlich bekannte Angaben |
|---|---|
| Bezeichnung | FP-5 Flamingo |
| Hersteller | Fire Point |
| Herkunft | Ukraine |
| Systemtyp | Bodengestützter Marschflugkörper |
| Angegebene Reichweite | Mehr als 3.000 Kilometer |
| Möglicher deutscher Partner | Diehl Defence |
| Geplanter Schwerpunkt | Produktion und Suchkopftechnik |
| Aktueller Status | Verhandlungen ohne endgültigen Vertrag |
Die Rakete wurde bereits bei ukrainischen Langstreckenangriffen eingesetzt. Der Umfang der Einsätze blieb jedoch begrenzt. Zudem gibt es unterschiedliche Bewertungen darüber, wie präzise und zuverlässig das System unter realen Kampfbedingungen arbeitet.
Für einen möglichen deutschen oder europäischen Einsatz wären deshalb weitere Erprobungen notwendig. Neben der Reichweite spielen vor allem Treffergenauigkeit, Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Kampfführung, Wartungsbedarf und Produktionskosten eine entscheidende Rolle.
Diehl könnte einen moderneren Suchkopf liefern
Ein zentraler Teil der geplanten Zusammenarbeit betrifft offenbar den Suchkopf der Rakete. Dieses Bauteil hilft dem Flugkörper, ein Ziel zu erkennen und in der letzten Flugphase präzise anzusteuern. Diehl Defence verfügt auf diesem Gebiet über langjährige Erfahrung.
Rauch erklärte, dass sein Unternehmen Fire Point eine deutlich weiterentwickelte Lösung anbieten könne. Darüber hinaus könnte Diehl bei der Systemarchitektur, der Integration elektronischer Komponenten und der industriellen Qualitätssicherung helfen.
Eine Kooperation könnte folgende Bereiche umfassen:
- Entwicklung oder Lieferung eines moderneren Suchkopfes;
- Verbesserung der Navigation und Zielerfassung;
- Anpassung an europäische Produktionsstandards;
- Aufbau zusätzlicher Fertigungskapazitäten;
- Stabilisierung der Lieferketten für Triebwerke;
- gemeinsame Tests und technische Weiterentwicklung.
Die Suchkopftechnik von Diehl könnte die Treffergenauigkeit der Flamingo verbessern. Gerade bei weitreichenden Flugkörpern ist die letzte Phase vor dem Ziel besonders anspruchsvoll. Kleine Navigationsfehler können sich über große Entfernungen deutlich auswirken.
„Diehl verfügt über jahrzehntelange Erfahrung bei Lenkflugkörpern und könnte Fire Point bei mehreren technologischen Engpässen unterstützen“, erklärte Rauch zur möglichen Rollenverteilung.
Fire Point will deutlich mehr Raketen produzieren
Fire Point hat seine Produktionskapazitäten in den vergangenen Monaten ausgebaut. Das Unternehmen gab zuletzt an, mehrere Flamingo-Raketen pro Tag herstellen zu können. Für eine weitere Steigerung werden jedoch langfristige Aufträge, zusätzliche Finanzierung und mehr Triebwerke benötigt.
Der Mitgründer und Chefkonstrukteur Denys Schtilerman bestätigte, dass die Versorgung mit geeigneten Triebwerken weiterhin zu den wichtigsten Engpässen gehört. Eine neue eigene Triebwerksproduktion soll die Abhängigkeit von vorhandenen Beständen reduzieren und höhere Stückzahlen ermöglichen.
„Wir benötigen Aufträge und ausreichende Finanzierung. Dann können wir unsere Produktionskapazitäten weiter erhöhen“, erklärte Schtilerman.
Eine Zusammenarbeit mit Diehl könnte Fire Point Zugang zu stabileren europäischen Lieferketten verschaffen. Gleichzeitig würde die Verlagerung einzelner Produktionsschritte nach Deutschland die ukrainischen Fertigungsstätten entlasten.
Ukrainische Rüstungsbetriebe sind regelmäßig russischen Raketen- und Drohnenangriffen ausgesetzt. Zusätzliche Standorte außerhalb des Landes könnten verhindern, dass ein einzelner Angriff große Teile der Produktion für längere Zeit stoppt.
Die Unternehmen arbeiten bereits technologisch zusammen
Diehl Defence und Fire Point beginnen ihre Zusammenarbeit nicht bei null. Beide Unternehmen vereinbarten bereits im Frühjahr 2026 eine technologische Partnerschaft. Details wurden zunächst nur begrenzt veröffentlicht.
Die aktuellen Gespräche zeigen, dass die Kooperation über einen allgemeinen Erfahrungsaustausch hinausgehen könnte. Neben dem Flamingo-Marschflugkörper steht offenbar auch ein neues ukrainisches Flugabwehrsystem im Mittelpunkt.
Fire Point arbeitet an einem FP-7.x-Abfangflugkörper, der langfristig eine günstigere Ergänzung zu vorhandenen westlichen Luftverteidigungssystemen werden könnte. Die Produktion könnte nach Angaben des Unternehmens beginnen, sobald ein geeigneter Infrarotsuchkopf verfügbar ist.
Diehl wäre auch in diesem Bereich ein möglicher Partner. Das Unternehmen entwickelt und produziert unter anderem die Flugabwehrsysteme der IRIS-T-Familie, die in der Ukraine gegen russische Raketen und Drohnen eingesetzt werden.
Warum Deutschland eigene Langstreckenwaffen sucht
Das Interesse an der Flamingo hängt eng mit der veränderten Sicherheitslage in Europa zusammen. Russland setzt im Krieg gegen die Ukraine regelmäßig weitreichende Raketen und Marschflugkörper ein. Zudem befinden sich russische Langstreckensysteme in Kaliningrad und anderen Regionen nahe der NATO-Grenze.
Deutschland und weitere europäische Staaten wollen deshalb eigene Fähigkeiten zur konventionellen Abschreckung aufbauen. Dabei geht es nicht nur um den Schutz vor Angriffen, sondern auch um die Möglichkeit, gegnerische Raketenstellungen, Flugplätze und militärische Produktionsanlagen aus großer Entfernung zu erreichen.
Die USA hatten ursprünglich die Stationierung zusätzlicher amerikanischer Langstreckenwaffen in Deutschland vorgesehen. Nach politischen Veränderungen in Washington sucht Berlin verstärkt nach europäischen Alternativen.
Die FP-5 Flamingo könnte theoretisch einen Teil dieser Lücke schließen. Dafür müsste das System jedoch die technischen und militärischen Anforderungen der Bundeswehr erfüllen. Eine hohe Reichweite allein genügt nicht, um eine Rakete für den Einsatz in europäischen Streitkräften zu qualifizieren.
Verteidigungsexperten verweisen auf mehrere zentrale Kriterien:
- nachgewiesene Treffergenauigkeit;
- sichere und störfeste Navigation;
- zuverlässige Serienproduktion;
- kalkulierbare Kosten pro Flugkörper;
- Integration in bestehende Führungsstrukturen;
- politische Kontrolle über Einsatz und Export.
Ukrainische Front-Erfahrung wird für Europa wichtiger
Die mögliche Kooperation steht beispielhaft für einen Wandel in der europäischen Verteidigungsindustrie. Ukrainische Unternehmen werden nicht länger nur als Empfänger westlicher Waffen betrachtet. Sie entwickeln zunehmend eigene Systeme, die für NATO-Staaten technologisch interessant sind.

Die Ukraine testet neue Drohnen, Raketen und elektronische Systeme unter realen Einsatzbedingungen. Entwicklungsschritte, die in Friedenszeiten mehrere Jahre dauern könnten, werden teilweise innerhalb weniger Monate umgesetzt.
Deutschland verfügt dagegen über eine etablierte industrielle Basis, moderne Fertigungsverfahren und umfangreiche Erfahrung bei Zertifizierung und Qualitätssicherung. Eine Verbindung beider Ansätze könnte neue Systeme schneller zur Serienreife bringen.
Die Ukraine liefert operative Erfahrung aus einem hochintensiven Krieg. Deutschland bringt industrielle Tiefe und präzise Systemtechnik ein. Gemeinsam könnten beide Seiten eine neue Form europäischer Rüstungskooperation entwickeln.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte bei einem Besuch in Kyjiw auf die schnellen technologischen Fortschritte der ukrainischen Industrie hingewiesen. Deutschland prüft demnach gemeinsame Vorhaben bei Langstreckendrohnen, Luftverteidigung und elektronischer Kampfführung.
Welche Fragen noch geklärt werden müssen
Trotz des politischen und industriellen Interesses sind zahlreiche Details ungeklärt. Es ist offen, ob Deutschland lediglich einzelne Komponenten herstellen oder eine vollständige Produktionslinie aufbauen würde. Ebenso gibt es noch keine bestätigten Angaben über mögliche Standorte.
Auch die Finanzierung ist nicht geregelt. Ein gemeinsames Programm könnte über Aufträge der Bundesregierung, europäische Verteidigungsfonds oder direkte Bestellungen für die Ukraine finanziert werden. Jede Variante hätte andere Auswirkungen auf Produktion, Eigentumsrechte und spätere Nutzung.
Besonders sensibel ist die Exportkontrolle. Ein Marschflugkörper mit einer angegebenen Reichweite von mehr als 3.000 Kilometern gehört zu den strategisch relevanten Waffensystemen. Herstellung, Weitergabe und Einsatz dürften deshalb streng kontrolliert werden.
Weitere offene Punkte betreffen:
- Umfang der deutschen Beteiligung;
- Produktionsstandort und Zeitplan;
- Zugang zu Triebwerken und Elektronik;
- staatliche Genehmigungen;
- mögliche Kunden und Bestellmengen;
- technische Erprobung der verbesserten Version.
Diehl und Fire Point müssen außerdem klären, wie geistiges Eigentum und Entwicklungskosten aufgeteilt werden. Die ukrainische Seite will die Kontrolle über ihre Technologie behalten, während ein deutscher Hersteller eigene Investitionen und technische Beiträge absichern muss.
Was eine Produktion in Deutschland verändern würde
Eine gemeinsame Fertigung wäre ein wichtiger Schritt für beide Unternehmen. Fire Point könnte seine Produktion ausweiten und gleichzeitig gegen russische Angriffe absichern. Diehl erhielte Zugang zu einem ukrainischen System, das unter Kriegsbedingungen entwickelt wurde.
Für Deutschland würde das Projekt den Aufbau eigener Langstreckenfähigkeiten beschleunigen. Statt eine vollständig neue Rakete von Grund auf zu entwickeln, könnte ein vorhandenes System technisch überarbeitet und an europäische Anforderungen angepasst werden.
Gleichzeitig wäre das Vorhaben ein deutliches Signal an andere europäische Staaten. Ukrainische Technologien könnten künftig häufiger in gemeinsame Rüstungsprogramme einfließen. Die klassische Trennung zwischen westlichen Herstellern und ukrainischen Empfängern würde damit weiter verschwinden.
Eine Produktion in Deutschland bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Bundeswehr die Flamingo beschafft. Eine mögliche Fertigung für die Ukraine, für europäische Partner oder für spätere Exportkunden wäre ebenfalls denkbar.
Die nächsten Gespräche entscheiden über das Projekt
Diehl Defence zeigt sich optimistisch, doch der Weg zu einer Serienproduktion bleibt komplex. In den kommenden Wochen sollen mehrere Treffen mit Fire Point stattfinden. Dabei dürften technische Anforderungen, Finanzierung und mögliche Standorte im Mittelpunkt stehen.
Erst danach wird sich zeigen, ob die Flamingo-Rakete in Deutschland tatsächlich gebaut wird. Derzeit handelt es sich um ein ernsthaft geprüftes Kooperationsvorhaben, nicht um eine bereits beschlossene Produktionsverlagerung.
Für die europäische Rüstungsindustrie ist das Projekt dennoch von großer Bedeutung. Es verbindet ukrainische Kriegserfahrung mit deutscher Lenkflugkörpertechnik und könnte die europäische Fähigkeit zur Herstellung weitreichender Waffen stärken. Ob daraus ein konkretes gemeinsames Programm entsteht, hängt nun von den Verhandlungen, staatlichen Entscheidungen und verbindlichen Bestellungen ab.
